Sektfabrik Löffler

Von Gerhard Störmer

Auszug aus: „Das Sprendlinger Buch“, 2008

Georg August Löffler1865 beginnt der Sprendlinger Georg Adam Loeffler, Wirt des Gasthauses mit Brauerei „Zum Adler“ in der Darmstädter- Ecke Hauptstraße mit der Herstellung „Moussierenden Weines“. Freunde aus Frankreich und eine eigene technische Begabung helfen zunächst, Anfangsschwierigkeiten bei der Produktentwicklung zu überwinden, denn die Herstellung nach der damaligen Methode „Champanoise“ war sehr kompliziert. Brauchbare Technik gab es noch nicht. Alle technischen Hilfsmittel mussten erst entwickelt und mühsam von Hand gebaut werden. Als Firmenzeichen auf den Flaschenetiketten wurde der Adler gewählt, eingedenk der Anfänge im „Adler“. Der hergestellte Apfelweinsekt findet so großen Zuspruch, dass die Produktionsstätte vergrößert werden muss und die hoffnungsvolle Firma bereits 1872 in die Darmstädter Straße, Ecke Hainer Chaussee, umzieht.

Der Vater des Firmengründers besaß dort schon einen jahrhundertealten Gasthof „Zum Trauben“ mit Stallungen einer damaligen Poststation, mit einer Brennerei und einem ausgedehnten Keller, der sich vorzüglich zur Sektlagerung und der Gärung eignete. Der Sohn übernimmt die Geschäftsführung und firmiert fortan unter: "G. A. Loeffler jr". Der Gründer des Hauses stirbt 1887. Die Produkte des Hauses sind so erfolgreich, dass immer weitere Kunden­kreise erschlossen werden. Aus Mosel- und Rheinwein entstehen Erzeugnisse wie Germania-, Bismarck-, Jäger- oder Radfahrersekt. Bis nach Amerika wird ein Frankfurter Apfelweinsekt unter dem Namen „German Champagne Cider“ von einem Generalverteter in New York verkauft. Aus alten Rech­nungen geht hervor, dass bereits 1897 das Bankhaus Rothschild in Frankfurt Sekt aus Sprendlingen bezog. U. a. wird das königlich bayrische Infanterie- Regiment Nr. 18 in Landau mit seiner Hausmarke für die „Offiziers-Speise- anstalt“ (Offizierskasino) für die „feuchten“ Kasinoabende beliefert. Große und langjährige Geschäftbeziehungen entwickeln sich zu Adels- und Offizierskreisen.

Wilhelm Löffler 1901 wird die französische Bezeichnung Champagner strittig. Wie aus alten Geschäftsberichten des Hauses hervorgeht, kommt der Name „Deutscher Schaumwein“ auf. Die Firma erweitert die Kellerei, richtet eine hauseigenc Wasserleitung ein, da es noch keine öffentliche Wasserversorgung gibt, und schafft eine Dampf­maschine zur Kraft- und Stromversorgung an. Ausdruck seines privaten Wohlstandes ist für den Firmenchef der Bau einer Villa mit Park am heutigen Bahnübergang der B3 nach Langen. Das Gebäude (Villa Schott") ist heute weitgehend verfallen und der Park verwildert. 1904 befahl Kaiser Wilhelm II das Flottenprogramm für den Bau einer Hoch­seeflotte mit Weltgeltung. Die gigantischen Kosten hierfür sollten aber „sozialverträglich“ aufgebracht und die unteren Stände mit geringem Ein­kommen nicht besonders belastet werden. Dadurch entwickelte sich die Umsatz- und Sektsteuer. Auf alle Warenverkäufe betrug die Abgabe 1%- Da nur die „besseren Kreise“ sich Sekt leisten konnten, sollten auch nur diese bei der Sektsteuer zur Kasse gebeten werden. Die Sozialverträglichkeit hielt man damals damit für ge­währleistet.

Mit dem Ausbruch des 1. Weltkrieges 1914 wurde die positive Geschäfts­entwicklung abrupt unterbrochen. Rohstoffmangel und knappe Grundweine brachten die Geschäftstätigkeit fast zum Erliegen. Nach dem Krieg war ent­weder das Kundenklientel nicht mehr vorhanden oder durch die anschlie­ßende Inflation so verarmt, dass es als Abnehmer nicht mehr in Betracht kam. Mehr schlecht als recht kam das Unternehmen über die Runden. 1922 stirbt Wilhelm Loeffler. Die allgemeine Wirtschaftslage mit der Inflationszeit und der noch bestehen­den Luxussteuer, einst zur Finanzierung eines großen Flottenprogramms gedacht, brachten dem Unternehmen große Probleme.

1934 übernimmt die Tochter des Firmengründers und Schwester und Erbin des als Junggesellen verstorbenen Wilhelm Loeffler, Katharina Michel, mit Ihrem Sohn Ernst Michel das Unternehmen. Dem studierten Agronomen gelang es unter großen Schwierigkeiten, die Sektfabrikation wieder aufzu­nehmen. Ein neuer Kundenkreis konnte kontinuierlich aufgebaut werden. Einen weiteren Aufschwung brachte zunächst der zweite Weltkrieg mit Heeresbelieferungen. Aber im Kriegsverlauf entstanden Lieferengpässe bei den Vorlieferanten. Bombenschäden an den Fabrikationsanlagen brachten die Produktion fast zum Erliegen. Bei Kriegsende wurden noch die restlichen Vorräte geplündert und die noch intakten Gebäudeteile wurden von den eingerückten Amerikanern als Lager benutzt.

Der Neuaufbau konnte erst 1953 richtig beginnen. Die Kinder von Ernst Michel, Peter und Traude, treten als 4. Generation in die Geschäftsleitung ein. Standardmarke und damit erfolgreichstes Erzeugnis des Unternehmens war und ist die Abfüllung „Imperial“. Der vom Hause entwickelte Erdbeersekt macht Furore und erobert in kürzester Zeit den deutschen Lebensmittelmarkt. Zum 100-jährigen Firmenjubiläum 1965 wird im Industriegebiet in Dreiei­chenhain eine nach neuester Technik konzipierte Sektfabrik mit riesigen Großtanks ohne Keller errichtet und in Betrieb genommen. Doch der mittler­weile „demokratisierte“ Sektkonsum brachte mit zunehmenden Bedarf so viele Anbieter auf den Markt, dass der damit verbundene allgemeine Preis­druck die Unternehmerfamilie veranlasste, den Geschäftsbetrieb nach weni­gen Jahren aufzugeben. Sprendlingen hatte damit wieder ein traditionsreiches Unternehmen verloren, dessen Gründer zu den Pionieren der Gründerzeitepoche in einem kleinen unbedeutenden Dorf gezählt werden kann.

Bilder:  Archiv Freunde Sprendlingens