Das Sprendlinger Gas- und Wasserwerk

Wilhelm Ott
"An Anfang war das Wasser" so der Titel eines lesenswerten Buches, das zum 100 jährigem Jubiläum der Stadtwerke Dreieich im Jahr 2006 herauskam. Eigentlich war der Anfang der Gas- und Wasserversorgung Sprendlingens ein Geschehnis, bei bei dem das Wasser fehlte: Bei einem Brand der Dampfschreinerei und Drescherei Störmer 1903 in der Frankfurter Straße waren die umliegenden öffentlichen und privaten Brunnen bald leergepumpt, so dass die Feuerwehrmänner kein Löschwasser mehr zur Verfügung hatten. Dies war Anlass, dass sich der Gemeinderat im Jahr 1904 mit dem Bau eines Gas- und Wasserwerkes auseinandersetzte. Man holte Erkundigungen ein und beschloss am 20.5.1905 den Bau eines Gas- und Wasserwerkes. Dieser Beschluss war vor und nach der Entscheidung im Gemeinderat und in der Öffentlichkeitsehr sehr kontrovers diskutiert worden. Im Gemeinderat gab die Stimme des Bürgermeisters Dreieicher den Ausschlag. Trotz der anhaltenden Widerstände wurde im März 1906 der Auftrag zum Bau des Gaswerks gegeben. Bereits im Dezember 1906 war die Anlage betriebsbereit und versorgte die Straßenlaternen Gebäude mit Gas. Das Wasser floss im Juni 1907, nachdem der Hochbehälter am Bornwald fertiggestellt war. Die Brunnen lagen auf einem Grundstück an der Eisenbahnstraße. Das Wasser wurde mit Pumpen, die durch Gasmotoren angetrieben wurden, in den Behälter gepumpt. Das Gas für die Motoren kam von dem Gaswerk. Voraussetzung für die Versorgung des Gaswerks mit Kohle war ein Schienenanschluss an die 1905 eröffnete Dreieichbahn.

Der erste Betriebsleiter des Gaswerks war Adam Heil aus Regensburg, der aber bereits 1909 verstarb. Sein Sohn Albert übernahm seine Nachfolge und blieb Werksleiter bis 1945. -->Hier ist die Antwort von Bürgermeister Dreieicher auf seine Bewerbung. 


Erinnerungen an das Gaswerk in Sprendlingen, Krs. Offenbach
Von Albert Heil

Anmerkung: Der nachfolgende Text wurde im Nachlass von Heinrich Runkel gefunden. Der Brief, gerichtet an Heinrich Runkel, stammt von Albert Heil, Essen 15, und ist auf dem 12.9.1992 datiert. Albert Heil arbeitete bis 1936 im Gaswerk Sprendlingen und zog dann nach Berlin. Offensichtlich auf Bitten von Heinrich Runkel (Schulkollege?) hat er diesen Bericht aus seiner Erinnerung verfasst. Der Text wurde im Juni 2014 von Wilhelm Ott leicht redigiert.

Das Gaswerk wurde 1906 von der Fa. August Klönne, Dortmund erbaut. Voraussetzung war ein Bahnanschluss an die Rodgaubahn zwischen Buchschlag und Sprendlingen für die Kohlenanfuhr. Das Gleis wurde bis an die Eisenbahnstrasse durchgeführt und verlief längsseits des östlich an das Ofenhaus angebaute überdachte Kohlenlager, mit den Luken zum Entladen der Kohlenwaggons von Hand mit Schaufeln und Schiebkarren. Zwei Horizontal-Retortenöfen (2+3 Retorten) wurden händisch mit koksbeschickter Rostfeuerung beheizt. Es gab einen nassen Gasbehälter mit 1000 Kubikmeter Fassungsvermögen.

Erster Werkleiter: Werkmeister war Adam Heil, geb. 24.1.1858 in Neu-Isenburg, vom Gaswerk Regensburg kommend, gest. 27.9.1909 in Sprendlingen (Schlaganfall während einer Vorstellung im Opernhaus Frankfurt). Bei der Beerdigung von Adam Heil hat Bürgermeister Dreieicher in einem Gespräch mit dem Sohn des so plötzlich Verstorbenen diesen als zweiten Werkleiter verpflichtet: Ing. Albert Friedrich Heil, geb. 6.11.1884 in Interlaken/Schweiz, gest. 8.3.1978 in Sprendlingen. Er war zu dieser Zeit in Berlin bei der "Bamag" (Berlin Anhaltische Maschinenbau AG) im Gaswerksbau beschäftigt. Er wurde zur Beerdigung seines Vaters von der Hochzeitsreise nach Sprendlingen zurückgerufen und trat nach Abwicklung seiner Arbeiten bei der BAMAG seinen Dienst in Sprendlingen am 1.11.1909 an.

Mit der Inbetriebnahme des Gaswerks muss auch das Wasserwerk an der Eisenbahnstrasse auf der rechten Seite in Richtung Buchschlag kurz vor dem Walde gelegen, für die zentrale Wasserversorgung von Sprendlingen und Buchschlag aufgenommen worden sein, denn die beiden Pumpen zum Heben des Grundwassers aus dem Brunnen wurden von je einem Gasmotor angetrieben. Als Reservoir und zur Aufrechterhaltung des notwendigen Drucks für die Wasserversorgung bei Stillstand der Pumpen diente ein Erdbehälter auf der Hub. Ob das Wasserwerk bei Inbetriebnahme des Gaswerks 1906 zu den ersten 18 Gasabnehmern zählte ist mir nicht bekannt.

Immerhin muss sich der Gasabsatz schnell gesteigert haben, denn schon 1910 wurde ein zweiter nasser Gasbehälter mit 1500 Kubikmeter Fassungsvermögen hinter dem ersten errichtet. Außerdem wurde der Hof zwischen dem Ofenhaus und dem kleineren Gasbehälter gepflastert und diente zur Lagerung des bei der Gaserzeugung anfallenden Kokses zum Verkauf. Um die gleiche Zeit muss auch der dritte Ofen mit 6 Retorten erstellt worden sein, um nach seiner Inbetriebnahme die beiden 2er und 3er Retortenöfen zur Reserve überholen zu können.

Da nach Ende des ersten Weltkrieges und durch die Besetzung Westdeutschlands die Kohlenzufuhr zeitweise ganz unterbrochen war, wurde zur Aufrechterhaltung einer Notversorgung der Bevölkerung mit Gas mit LKW Holz angefahren. Auf dem gesamten Hofraum zwischen dem Ofen-, Apparate- und Reiniger-Haus-Komplex und dem 1000 Kubikmeter-Gasbehälter und dem Büro-/Wohnhaus von dem Anschlussgleis bis zur westlichen Toreinfahrt wurden die Wurzelstöcke und Stumpen zur retortengängigen Zerkleinerung gelagert.

Da mit den wieder einsetzenden, aber unzureichenden Kohlenlieferungen die volle Belieferung der Gasabnehmer nicht zu erreichen war, wurde 1920/1921 (?) eine Wassergaserzeugungsanlage (Dampferzeuger + koksbeschickter Generator) erstellt. Für die Aufstellung der Anlage wurde ein entsprechender Teil des Kohlenschuppens an der Hofseite abgeteilt.

Wann sich die Zahnfabrik Wienand die Gaslieferung für ihre Brennöfen vertraglich sicherte, ist mir nicht gegenwärtig. Mir ist nur in Erinnerung, dass der Zusatz von Wassergas öfter Ärger bereitete und seitens der Zahnfabrik Schadensersatzansprüche geltend gemacht wurden. Zur Sicherstellung eine gleichmässigen Gasqualität wurde Anfang der 20er Jahre im Gaswerk ein "Labor" eingerichtet. Dort wurde der Heizwert mittels automatischem Kalorimeter und mittels eines Prüfbrenners überwacht. .

Ca. 1923/1924, aus dem Höhepunkt der Inflation, wurde das Ofenhaus mit den Retortenöfen durch eine freistehende Vertikal-Kammerofenanlage (1 x 2-Kammer- und 1 x 3-Kammerofen mit je eigenem Treppenrost-Generator) östlich des Anschlussgleises ersetzt. Entlang dem Anschlussgleis in Richtung der Anschlussweiche entstand der neue Kohlenlagerplatz. Die Waggonentladung erfolgte mittels Kipploren oder Förderband. Die Beschickung der Vertikalkammeröfen geschah mittels gasmotorbetriebenem Kübelaufzug über Vorratsbunker und über Füllöffnungen verfahrbarem Füllbehälter für jeweils eine Kammerfüllung.

Der anfallende Koks wurde in einer parallel zum Anschlussgleis in Richtung zur Eisenbahnstrasse errichtete Schwingsiebanlage zum Verkauf sortiert. Die Koksqualität erreichte durch die Mischung mehrerer Kohlensorten in den Vertikalkammern die des Zechenkokses. Die örtlich nicht absetzbaren Koksmengen wurden über die wirtschaftliche Vereinigung DEUTSCHER GASWERKE waggonweise verkauft.

Die Entwicklung des Werkes bzw. der Gasversorgung von Sprendlingen und Buchschlag ab 1936 (Ferngasbezug von Offenbach/Maingaswerke bzw. Umstellung auf Erdgasbezug) habe ich nach Verlassen Sprendlingens nicht mehr verfolgt.