Ellen Betrix - Schönheit made in Sprendlingen

Von Dr. Barbara Simon
Teil 3 (1985 bis 2009): Ellen Betrix schminkt ab
August 2021

Business ForumIm dritten und letzten Teil unserer Serie zur Firmengeschichte des einstigen Kosmetikriesen Ellen Betrix beleuchten wir die Endphase von 1985 bis 2009. War es unvermeidbar? War es kaltschnäuzig? Wie haben Politik und Gesellschaft darauf reagiert? Wir haben dazu neben den Zitaten einiger Zeitzeugen auch Reaktionen der Medien eingefangen.


Lesen Sie auch den Teil 1 
und den Teil 2 unserer Ellen-Betrix-Story.

 Der Anfang vom Ende durch den Verkauf an Revlon

PokalbroschüreSektlaune in Sprendlingen: Ellen Betrix feierte 1984 das 50jährige, die Korken knallten im Bürgerhaus. In den folgenden zwei Jahren ging es mondän weiter und die Firma zeigte Upper-Class-Präsenz in Frankfurt, stiftete Preise und Pokale für den Pferdesport. Im Rennklub Frankfurt am Main kämpften Ross und Reiter 1986 und 1987 um den sogenannten Henry-M-Betrix-Pokal und schafften es damit bis in die Klatschspalten der BILD-Zeitung.

 Offenbar ahnte keiner oder wenige, was nur kurze Zeit später geschah. Auch wenn die FAZ schon 1986 von der Idee eines Joint-Ventures mit Wella in Darmstadt berichtete. Gemeinsam wurden Produkte für den japanischen Markt entwickelt. Das Geschäft lief jedoch nicht gut und so wurde der Vertrag mit Wella wieder aufgelöst.


Was führte zum Verkauf?

Trotz schwarzer Zahlen stauten sich auch Probleme auf: die ungelöste Nachfolge innerhalb der Familie, wachsender Konkurrenzdruck und Konflikte mit dem Betriebsrat. „Ein ‚Weiter so‘ als Familienbetrieb war damals einfach nicht die Option“, sagt Juliane Segner im Rückblick. Auch Wulf-Dieter Preiß, der damalige Personalchef, bestätigt dies. Aber er sagt auch: „Ellen Betrix war 1989 ein gesundes Unternehmen und hätte als mittelständischer Betrieb weiter existieren können. Die Geschäftsführung hätte man einer externen Person übertragen können.“

Doch die Zukunftsprognosen wurden eben nicht von allen rosig gesehen. Es wären über kurz oder lang größere Investitionen in neue Technologien nötig gewesen und „dieses finanzielle Risiko erschien der Geschäftsführung zu groß“, erinnert sich Juliane Segner. Dies alles zusammen ließ beim Firmenchef Klaus Segner immer mehr den Gedanken reifen, das Unternehmen zu verkaufen.

Verkauf an Revlon

Die Unterschrift, die das Ende des Familienbetriebes besiegelte: Klaus Segner (Mitte) unterzeichnet den Verkauf von Ellen Betrix an den US-Kosmetikhersteller Revlon. 

In diese Gemengelage kamen außerdem nun Angebote für Übernahmen. „Revlon kam damals auf Ellen Betrix zu,“ erinnert sich Tim Segner. Zunächst sei mit dem US-Konzern vereinbart worden, dass sein Vater noch 3 Jahre in der Geschäftsführung bleiben sollte, doch dies wurde dann schon 1990 vorzeitig aufgelöst. Bei den Betrix-Standorten fächerte sich nun die Nutzung auf: „Von den ehemaligen EB-Gebäuden übernahm Revlon nur Werk 1. In Werk 3 ließ VW Autozubehör lagern. Und das vollautomatische Lager aus der Betrix-Zeit wurde noch eine zeitlang von Procter&Gamble genutzt“, sagt Segner.

1989: Stadt Dreieich muss Steuern zurückzahlen

Bisher hatte Ellen Betrix der Stadt Dreieich ein gut gefülltes Gewerbesteuersäckel beschert. Nun sorgte der Verkauf für einen Verlust von einigen Millionen. Im Stadtanzeiger bilanziert Klaus Segner am 15. Mai 1990, dass der Verkauf dennoch richtig gewesen sei:

Stadtanzeiger 1990

Stadtanzeiger 1990

Als Trostpflaster floss eine 2-Millionen-D-Mark-Spende an die Kommune. Die Winkelsmühle in Dreieichenhain als Begegnungsstätte wurde von diesen Geldern ausgebaut. Wulf-Dieter Preiß sagt, dass dies natürlich den Schaden nur abmildern konnte, denn „das war ja nur ein Bruchteil dessen, was die Stadt an Steuern zurückzahlen musste.“








Winkelsmühle












 Die Winkelsmühle in Dreieichenhain wurde von einer Spende durch Klaus Segner finanziert.
Foto:  W. Ott

1991: Revlon selbst steht zum Verkauf

Offenbach-Post 1991Zunächst glaubten viele Mitarbeiter, dass sich unter der neuen US-amerikanischen Geschäftsführung im Grunde nicht viel ändern werde. Doch sie irrten, denn schon 2 Jahre nach dem Deal von 1989 stand wiederum Revlon selbst zum Verkauf. Jetzt wurde auch über die Branchenkenner hinaus ersichtlich, welche Strategie hinter dem Ankauf der Dreieicher Firma gesteckt hatte. Wulf-Dieter Preiß legt den Finger in die Wunde: „Revlon hatte sich mit dem Kauf von Ellen Betrix nur aufgehübscht für den Markt.“ Die US-Company Revlon sei nämlich vor 1989 nicht in bester Verfassung gewesen. „Mit einem gesunden Unternehmen wie Ellen Betrix konnte man sich am Markt attraktiver machen!“ Und tatsächlich stürzte sich nun ein Gigant der Branche auf die „aufgehübschte“ Braut und seine Marken.


 

 

                                                   Offenbach-Post vom 17.8.1991                              

                                                        
1991: Procter & Gamble übernimmt

1991 übernahm also US-Marktriese Procter & Gamble von Revlon den Dreieicher Kosmetikhersteller. Der Kauf beinhaltete auch die Lizenzen für die populären Ellen-Betrix-Marken Hugo Boss & Laura Biagiotti. Die Zukunftssorgen im Unternehmen und beim Betriebsrat wuchsen, denn die Mitarbeiter bekamen nur noch befristete Verträge vom neuen Arbeitgeber.

Für Wulf-Dieter Preiß sieht die bittere Wahrheit heute so aus: „Als Procter&Gamble übernahm, ließ man noch eine kurze Schonfrist verstreichen und schloss dann nach und nach den Standort Dreieich. Hier zeigte der globale Kapitalismus seine hässliche Fratze.“ Ellen Betrix sei auch nicht an seinem Wachstum gescheitert. „Man hätte über Sanierung und Modernisierung durchaus reden können, aber man hätte nicht einfach ohne Not 1000 Leute entlassen müssen!“

 1995: Die Streichungswellen und Standortverlegungen beginnen

Infoblatt BetriebsratDer Abbau vollzog sich in drei Schritten. Im September 1995 titelten die Lokalzeitungen „270 Arbeitsplätze werden abgebaut“ und der Betriebsrat drückte die Wut der Belegschaft aus: „Uns reicht’s jetzt! Wir wollen endlich die ganze Wahrheit wissen!“

 Die FAZ schrieb im November 1995:Noch vor vier Monaten sei dem Betriebsrat versprochen worden, daß die Parfümerieproduktion in Dreieich bleibe. Nun könne man auch den Darstellungen des Unternehmens keinen Glauben mehr schenken, daß der Vertrieb erhalten werde. Jetzt rechne man mit der kompletten Aufgabe des Standortes. Der Arbeitsplatzabbau geschehe ohne Not, denn Betrix schreibe schwarze Zahlen.“

                                           

 


Informationsblatt des Betriebsrates Oktober 1995


Die Dreieicher Politik erkannte nun auch, was der Stadt und den Mitarbeitern drohte, und verfasste im Dezember 1995 eine Resolution:

Resolution

Offenbach-Post, 7. Dezember 1995 

1996: Alle Befürchtungen werden wahr und 540 Jobs gehen verloren

Die Resolution der Dreieicher Politiker bleibt wirkungslos und das Jahr 1996 beginnt mit den befürchteten Horrormeldungen: Die gesamte Produktion wird nach England verlagert. Am 26. Januar 1996 titelten die Medien „Betrix schminkt ab: 540 Jobs weg!“ (BILD), „Ellen Betrix entlässt noch einmal 270 Beschäftigte“ (Frankfurter Rundschau) und in der Offenbach-Post vom 26.1.1996 war zu lesen: "Katastrophe für die Mitarbeiter:, Betrix streicht schon wieder 270 Arbeitsplätze. Damit gehe in diesem Jahr 540 Stellen verloren"

Bürgermeister Abeln äußert sich klar und empört, aber letztlich wirkungslos: Bürgermeister Abeln

 
Im Februar 1996 gehen die Betroffenen auf die Straße: 
 Demonstration

Dreieich-Spiegel vom 8. Februar 1996, Foto: Matthias Debes/Archiv Dreieich-Zeitung 

Nun vollzog sich das, was Wulf-Dieter Preiß „das Trauma für die Stadt Dreieich“ nennt. Er selbst hatte bereits gekündigt, „denn ich wollte als Personalchef nicht aktiv an dieser schlimmen Entlassungswelle mitwirken“. Seine Ökumenische ArbeitsloseninitiativeErfahrung steckte er lieber in die Beratung von Arbeitslosen in dem von ihm mit gegründeten ÖAI-Cafe, einer ökumenischen Initiative in der St. Laurentius-Kirche in Sprendlingen. Schließlich war klar, dass viele der entlassenen Frauen nur schwer einen neuen Arbeitsplatz finden würden. Die ökumenische Arbeitsloseninitiative gibt es heute noch und ist damit auch ein „Erbe“ der Ellen-Betrix-Geschichte (Klick aufs Logo: Website der ÖAI). 

2009: Endgültige Schließung des Standortes Sprendlingen

Noch 13 Jahre dauerte es, bis der Vorhanges fiel. Am 3. März 2009 wurde das endgültige ‚Aus‘ von der Öffentlichkeit verbittert aber inzwischen unaufgeregter wahrgenommen. Verblieben waren in Sprendlingen ohnehin nur noch 200 Zeitarbeitsplätze in der Logistik. Doch bereits 2007 hatte Procter & Gamble angekündigt, dieses „Distributionszentrum“ zu Wella, die inzwischen ebenfalls zu P&G gehörten, nach Weiterstadt zu verlegen.

Die Offenbach-Post schrieb:

„Procter & Gamble hat mit Wirkung zum 1. März sein im Sprendlinger Industriegebiet verbliebenes Logistik-Center nach Weiterstadt verlegt und im Rahmen eines so genannten Betriebsübergangs in die Firma Wella (auch ein Procter & Gamble-Unternehmen) integriert. Damit sind in Dreieich nicht nur 200 Arbeitsplätze - größtenteils Zeitarbeitsplätze verloren gegangen, beendet ist auch das Stück Dreieicher Firmengeschichte, das mit dem Umzug des Segner-Unternehmens Betrix von Frankfurt nach Sprendlingen seinen Anfang genommen hatte.“

Alles vorbei? Nein, Ellen Betrix wirkt weiter …

Trotz des unschönen Endes und vielen Jobverlusten: Wir müssen festhalten, dass Ellen-Betrix unübersehbare Spuren in der Stadt hinterlassen hat. Die Kommune profitierte drei Jahrzehnte von den Steuereinnahmen, es flossen Spenden für Soziale Einrichtungen und die Gestaltung des öffentlichen Raumes, die Betrix-Gebäude und Produktionshallen stehen heute noch, viele ehemalige Mitarbeiter halten Erinnerungen wach und eine Arbeitslosenberatung entstand. Und diese Aufzählung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit!

Nicht zuletzt lebt und arbeitet ein Teil der Familie immer noch in Dreieich (Stand 2021). Nach dem Verkauf im Jahr 1989 floss der Erlös hauptsächlich in Immobilien im Rhein-Main-Gebiet. Mit einer keinen Gruppe ehemaliger Betrix- und neuer Mitarbeiter werden diese heute in der KS-Verwaltungsgesellschaft unter der Leitung von Tim Segner gemanagt. 2003 investierte die KS sogar erneut und ließ den Büro-Komplex Plaza Dreieich an der Offenbacher Straße errichten: In Sprendlingen!