Euthanasie-Opfer aus Sprendlingen

Das Wort Euthanasie stammt aus dem Griechischen und kann mit "guter oder leichter Tod" übersetzt werden. Heute wird dafür eher der Begriff "Sterbehilfe" benutzt, weil "Euthanasie" für die systematische Tötung von behinderten und psychisch kranken Menschen in der Zeit des Nationalsozialismus steht. Schon vor 1933 wurde die Tötung von psychisch Kranken und  geistig Behinderten, auch von Neugeborenen mit Behinderung, diskutiert. Aber erst die Nationalsozialisten machten mit dem Konzept der Rassenhygiene den Weg frei für Zwangssterilisation und Ausgrenzung von "rassistisch minderwertigen" Personengruppen. 1939 organisierten die Nazis unter der Tarnbezeichnung T4 die Erfassung und Selektion der Patienten in den unterschiedlichen Landesanstalten und koordinierten den Transport in Zwischenanstalten, von wo aus die Personen direkt in die Tötungsanstalten verbracht wurden. Dort wurden sie in als Duschräume getarnte Gaskammern geführt, in denen sie mit Kohlenmonoxid-Gas ermordet wurden. Die Leichen wurden in Krematorien eingeäschert. Die Angehörigen und die lokalen Standesämter erhielten dann Schreiben mit fingierten Sterbeorten und Todesursachen, um die Mordaktionen zu verschleiern. Insgesamt fielen der Aktion T4 ca. 70.000 Patienten zum Opfer.

Euthanasie-Opfer LangenIm Internet gibt es umfangreiche Informationen über die Krankenmorde in der Zeit des Nationalsozialismus und über die Aktion T4In der heimatkundlichen Literatur der Landschaft Dreieich wurde das Thema "Euthanasie im Dritten Reich" nur unzureichend behandelt. Die Initiatoren der Stolperstein-Aktion in Langen recherchierten 2014 nach Langener Euthanasie-Opfern. Sie konnten 10 Personen identifizieren, deren sie mit einer Namenstafel an der Mauer des Langener Friedhofs gedenken.

Gedenkstätte Hadamar Im Juli 2023 fragten wir in der Gedenkstätte Hadamar an, ob es Unterlagen zu getöteten Patienten aus Sprendlingen gäbe. Hadamar war von Januar bis August 1941 eine von sechs "Euthanasie"-Tötungsanstalten der Aktion T4. Wir wurden informiert, dass Unterlagen von drei Personen mit dem Geburtsort Sprendlingen vorhanden seien. Alle drei sind im Familienbuch Sprendlingen verzeichnet, von allen dreien konnten im Stadtarchiv Dreieich die Pflegekostenabrechnungen gefunden werden. Wir danken an dieser Stelle Frau Madeleine Michel von der Gedenkstätte Hadamar. Die folgenden Texte sind z.T. wörtlich ihren Angaben entnommen. Das Bild links stammt von der Website der Gedenkstätte Hadamar.

Frau Justine Kother, geb. Hunkel am 02.04.1896 in Sprendlingen, wurde wahrscheinlich 1939 in die Anstalt Heppenheim aufgenommen. Von dort wurde sie am 10.04.1941 in die Erziehungs- und Pflegeanstalt Scheuern verlegt. Scheuern war zu diesem Zeitpunkt eine sogenannte "Zwischenanstalt" für die Tötungsanstalt Hadamar. Von Scheuern gelangte Frau Kother in einem Transport mit 82 weiteren Patienten am 16.05.1941 nach Hadamar. Die Patienten eines solchen Transports wurden in der Regel noch am Tag der Ankunft in die im Keller der Anstalt befindliche Gaskammer geschickt und ermordet. Das Verlegungsdatum nach Hadamar ist somit als Todesdatum von Frau Kother anzusehen. Die Leichname der Ermordeten wurden anschließend noch vor Ort eingeäschert. Die Angaben zum Schicksal von Frau Justine Kother stammen aus dem Hauptkrankenverzeichnis der Heime Scheuern.
Familienbuch-Eintrag, Pflegekostenabrechnung,
Morddatum: 16.05.1941, gefälschtes Todesdatum: 05.06.1941

Herr Philipp Stroh, geb. am 05.11.1896 in Sprendlingen, wurde wahrscheinlich 1937 in das Philippshospital bei Goddelau aufgenommen. Von dort wurde er am 01.04.1941 in die Landesheil- und Pflegeanstalt Weilmünster verlegt. Als letzter Wohnort ist in den Unterlagen „Sprendlingen“ notiert. Weilmünster war zu diesem Zeitpunkt ebenfalls eine sogenannte "Zwischenanstalt" für die Tötungsanstalt Hadamar. Von Weilmünster gelangte Herr Stroh in einem Transport mit 105 weiteren Patienten am 06.06.1941 nach Hadamar. Das Verlegungsdatum nach Hadamar ist somit als Todesdatum von Herrn Stroh anzusehen. Die Angaben zum Schicksal von Hernr Philipp Stroh stammen aus der Verlegungsliste Weilmünster-Hadamar, die als Beweisstück im sog. „Hadamar-Prozess“ 1947 geführt wurde. Sie trägt die Signatur: HHSTAW, Abt. 461/32061, Bd. 03.
Familienbuch-Eintrag, Pflegekostenabrechnung,
Morddatum: 06.06.1941, gefälschtes Todesdatum: 13.06.1941 in Sonnenstein bei Dresden

Frau Elisabeth Fricke, geb. am 24.05.1903 in Sprendlingen, wurde wahrscheinlich 1937 in das Philippshospital bei Goddelau aufgenommen. Von dort wurde sie am 01.04.1941 in die Landesheil- und Pflegeanstalt Weilmünster verlegt. Als letzter Wohnort ist in den Unterlagen im Archiv Hadamar „Sprendlingen“ notiert. Von Weilmünster gelangte Frau Fricke in einem Transport mit 105 weiteren Patienten am 06.06.1941 nach Hadamar. Das Verlegungsdatum nach Hadamar ist somit als Todesdatum von Frau Fricke anzusehen. Die Informationen zu Frau Elisabeth Fricke stammen zum Teil ebenfalls von der Verlegungsliste des Transports Weilmünster Hadamar aus dem „Hadamar-Prozess“ sowie aus dem Aufnahmebuch Weilmünster 1937-1941. Für Frau Fricke gibt es im Bundesarchiv in Berlin eine Patientenakte (Signatur: R 179 / 27847), auf deren Einsicht wir nach einem Informationsaustausch mit Archivmitarbeitern verzichteten.
Familienbuch-Eintrag, Pflegekostenabrechnung,
Morddatum 06.06.1941, gefälschtes Todesdatum: 23.06.1941

Wir haben vor, auf dem Sprendlinger Friedhof eine Gedenktafel aufzustellen, natürlich abgestimmt mit dem Friedhofszweckverband und der Stadt Dreieich.

Uns wurde noch von einer Person aus Götzenhain berichtet.

Herr Georg Lauer, geb. 21.02.1890 in Götzenhain, war seit 1913 im Philippshospital bei Goddelau untergebracht und wurde am 12.03.1941 in die Landesheil- und Pflegeanstalt Weilmünster aufgenommen. Von dort aus wurde Herr Lauer am 29.05.1941 mit 118 weiteren Patientinnen und Patienten in die Tötungsanstalt Hadamar verlegt und am selben Tag dort ermordet. Das offizielle Todesdatum wurde vom Sonderstandesamt auf den 12.06.1941 verlegt.



Wilhelm Ott, im September 2023