Sprendlinger Kerb

Fred Neubecker, Landschaft Dreieich 1989, S. 96

 

In diesem Heft der Blätter für Heimatforschung wurden die Kerbbräuche in den verschiedenen Orten der Landschaft Dreieich. Den Part von Sprendlingen übernahm das Vorstandsmitglied der Freunde Sprendlingens, Dr. Fred Neubecker. Nach 1989 litt die Sprendlinger Kerb unter starker Auszehrung, bis sich eine Reihe von heimatverbundenen Männer zusammenfanden, um die Kerb sehr erfolgreich wiederzubeleben: Das Sprendlinger Kerbteam. Das ist aber eine andere Geschichte. Wenden wir uns im Folgenden der Vergangenheit zu:


Solange man sich erinnern kann, wird die Sprendlinger Kerb am ersten Sonntag nach dem 10. August (oder am Sonntag, dem 10. August selbst), dem Namenstag des hl. Laurentius, gefeiert. Dieser Brauch lässt sich zurückführen auf die erste Sprendlinger Kirche, eine der ältesten in der westlichen Dreieich, die eine Laurentius-Kirche war. Sie war Königsgut, eine sogenannte Eigen-Kirche, die vom König gegründet wurde und in seinem Eigentum stand. In einem Dokument aus dem Jahre 880 wird sie erstmals genannt. Ludwig der Jüngere bestätigt darin, dass sein Vater, Ludwig der Deutsche, u. a. die Laurentius-Kirche in Sprendlingen dem Salvatorstift zu Frankfurt schenkte.

 

Die ältesten Nachrichten über Kerbfeiern in unserer Gegend sind in den Beschwerdeschreiben der Dreieicher Pfarrer der nachreformatorischen Zeit zu finden. Das örtliche Archivmaterial setzt relativ spät ein. Wir wissen nicht, ob dies Zufall oder Faktum ist. Was etwa im heutigen Archiv der Stadt Dreieich, von der Stadt Sprendlingen übernommen, zum Thema Sprendlinger Kerb vorhanden ist, mutet dürftig an. Aber immerhin, es lohnt sich, das Wenige ans Licht zu bringen, wie z. B. neben abgebildetes Schriftstück.

 

Hierzu gehört eine ausführliche, in kalligraphisch schöner Sütterlinschrift gefasste Befürwortung des mündlich vorgetragenen Antrages von fünf jungen Männern, die etwa dem Jahrgang 1836/37 angehörten, nach dem Nachmittagsgottesdienst des nächsten Tages (10. August) in einem Umzug mit Musik ihre Mädchen abholen und das Kirchweihfest feiern zu dürfen.

 

Das Anliegen der Burschen wird im Protokoll festgehalten, ihre Unterschriften, Antrag und dessen Befürwortung wird von Bürgermeister Lorey unterschrieben. Man stelle sich vor, am Tag vor der Kerb um 9 Uhr abends ein solcher Antrag an das „Großherzogliche Kreisamt Offenbach", das am nächsten Tag, ein Sonntag (Kerbsonntag, den 10. August 1856) natürlich geschlossen ist. Alle Achtung vor Bürgermeister Lorey, der in dieser Situation es noch wagt, sich vor der Obrigkeit für seine Kerbburschen einzusetzen. Immerhin, die Antwort aus Offenbach muss am nächsten Tag noch gekommen sein.

 

„Wird hiermit abgeschlagen. Offenbach 10. August 1856. Großh. Kreisamt Offenbach. v. (unleserlich)“

 

Das gab sicher sehr traurige Gesichter. Man fragte sich aber, hätten die Burschen nicht früher an eine Genehmigung denken können?

 

 

Wichtig an diesem Dokument ist, dass es um die Mitte des letzten Jahrhunderts auch in Sprendlingen Brauch der Kerbburschen ist, am Kerbsonntag mit Musik ihre Mädchen abzuholen. Wahrscheinlich zum Kerbtanz.

 

Wie die Kerb gegen Ende des letzten Jahrhunderts ablief, berichtete der Sprendlinger Lehrer Heinrich Schmidt vor 46 Jahren. Schmidt hatte sich dies von einigen alten Sprendlingern des Jahrgangs 1870 schildern lassen. Es ist wohl gerechtfertigt, die kurze Schilderung einer Sprendlinger Kerb im letzten Jahrhundert hier im Wortlaut wiederzugeben:

 

„Der Jahrgang 1870 zählte 35 kräftige Burschen, die wie Pech und Schwefel zusammenhielten. Schon Wochen vor der Kirchweihe 1889 fanden die ersten Besprechungen statt, die der Durchführung der Kerb dienten. Vor allem wurde die „Kerbborschkasse" gegründet; denn die ganze Veranstaltung der Kerbburschen wurde aus einer gemeinsamen Kasse bezahlt. Jeder musste also eine gewisse Summe einbezahlen. Dann wurden die großen Strohhüte mit Quasten noch besorgt, Lieder gemeinsam eingeübt. So konnte Kirchweihe kommen. Am Kerbsamstag fing es an. Um 2 Uhr ging es in den Offenbacher Wald, um den Kerbbaum einzuholen. Ein Fass Apfelwein und genügend Esswaren dienten zur Stärkung. L. Schäfer und L. Krämer fällten den Baum, eine 25 Meter hohe „Tanne". Vor dem Dorf wurde Halt gemacht. Unter Vorantritt der Langener Musikkapelle ging es durch verschiedene Ortsstraßen unter dem Jubel der Bevölkerung zum „Adler", dem Stammsitz der Kerbburschen. Eine große Menschenmenge hatte sich aber dort bereits eingefunden. Auch die Langener Kerbburschen waren da, denn sie wollten beim Aufstellen des Baumes helfen. Am Baum selbst wurde ein Kranz befestigt. Die Musik spielte flotte Weisen, und ein Kerbbursch hielt den Kirchweihspruch, der alles, was im letzten Jahr im Dorf vorgefallen war, geißelte. Nach jedem Vers spielte die Musik einen Tusch und es klang auf: „Heut ist Kerb, morgen ist Kerb und die ganze Woch ist Kerb! Prosit!" Das Kommando hatte der Zimmermeister L. Schäfer (Bombe-Louis). Zuletzt wurde noch eine Flasche Wein in das Loch geleert, damit der Baum nicht verwelke. Frohsinn und Tanz beenden den ersten Tag.

 

Der Kerbsonntag war der Haupttag. Um halb 3 Uhr traten die Kerbburschen mit Fahne, der späteren Rekrutenfahne, und Musikkapelle an. Und nun begann der Umzug durchs Dorf, somit den Beginn der Kerb ankündigend. Zuerst die Musik, dann die Fahnenschwinger und zuletzt die Burschen mit ihren geschmückten Strohhüten. Volle Apfelweinkrüge (Bembel) und Gläser wurden mitgeführt. War das ein lustiges Fahnenschwenken, ein dauerndes Jauchzen. Unterwegs wurde getrunken, auch den Bekannten wurde zugetrunken. Gar oft mussten die Bembel nachgefüllt werden. So war die Kerb eröffnet. Im Adler ging’s jetzt hoch her. Ein paar Fässer Bier wurden aufgelegt und Tanz und Fröhlichkeit erzeugten die nötige Stimmung. Die Kerb ist unser! Die Kerbburschkasse zahlte alles. Alt und jung, groß und klein nahmen an dem fröhlichen Treiben teil.

 

Am Montagvormittag brachte die Musikkapelle jedem Kerbburschen in seiner Behausung ein Ständchen, den sogenannten Morgensegen. Am Nachmittag ging’s wieder im Adler weiter. Jetzt waren die Sprendlinger ganz unter sich; denn die Auswärtigen fehlten heute. Das wurde auch reichlich ausgenutzt.

Am Dienstag gegen Abend wurde die Kerb begraben. Ein Kerbbursch wurde mit Stroh umwickelt, zwei Mann führten ihn an Ketten, die Peitschen knallten und mit Musik ging’s ins „Kühloch". Das Stroh wurde dann abgerissen, verbrannt und die Asche zugeschaufelt. Dabei wurde noch eine sinngemäße Ansprache gehalten. Eine letzte Zusammenkunft der Kerbburschen beschloss die Kerb. Das Geld war alle - die Kerb auch aus!

 

 

Vier Wochen später fand die Nachkirchweihe bei Tanz statt. Der Kerbbaum wurde dann umgelegt. Und jetzt wurde für die Musterung gespart; denn im nächsten Jahr war es so weit."

Einen Eindruck von dem Aussehen der damaligen „Kerbborsche" geben uns alte Photographien, die etwa aus der Zeit der gerade gegebenen Schilderung stammen. Solche Photographien zeigen, dass sich die uniformierte Kleidung der Kerbborsche, abgesehen von Details, bis heute kaum geändert hat: weiße Hemden, dunkle lange Hosen und ein großrandiger Strohhut. Auf dem hier abgebildeten Foto von damals sind die Strohhüte mit dicken, wahrscheinlich roten Schnüren verziert, die im Zickzack angeheftet sind. Die Schnüren enden in zwei dicken, über den Hutrand hängenden Quasten, die ja auch Lehrer Schmidt erwähnt. Die Hutverzierungen haben sich im Laufe der Jahrzehnte sicher geändert. Viele der Kerbborschen tragen einen breiten Gürtel mit der Aufschrift „Gut Heil".

 

In den dreißiger Jahren unseres Jahrhunderts waren die bereits gemusterten Kerbborschen mit farbigen Schärpen geschmückt, deren Farbe und Aufschrift die „Waffengattung" angab, der sie zugeteilt worden waren.

Auf diesem und auch anderen Bildern aus dem letzten Jahrhundert sind noch Einzelheiten zu sehen, die längst aus der Tradition herausgefallen sind. Einige der Kerbborsche sind durch eine lange, weiße Schürze als „Mundschenke" gekennzeichnet, die beim Kerbumzug den Äbbelwoi aus den Bembeln ausschenkten.

 

Am rechten Bildrand steht ein Kerbborsch, der „Kerbvadder", der gewählte Anführer, mit einem mit vielen bunten Bändern geschmückten „Kerbstraus". Das war ein kleines Fichtenbäumchen, das am Ende des Umzuges über den Eingang des Wirtshauses angebracht wurde, in dem die Kerbborsche ihren Stammsitz hatten.

 

Auf dieser 1872er Photographie sitzen links und rechts vom Fass zwei als Harlekine verkleidete Kerbborsche, die je eine Pritsche („Plätsch") in der Hand halten. Bei einem Kerbburschenfoto des Jahrgangs 1879 (im Archiv Kurt Schmidt), das die Burschen vor dem Gasthaus „Zum Engel" (heute rechts neben dem Sprendlinger Rathaus) zeigt, sitzt nur ein Harlekin auf dem Fass, der einen Kerbhut statt einer Harlekinsmütze trägt. Diese Harlekine liefen vor dem Zug her und machten ihm mit der Plätsch die Straße frei. Eine weitere Besonderheit ist auf dem Bild der 1872er zu sehen: das „Kerbpärchen". Es sind zwei in eine Art Tiroler Tracht verkleidete Kerbborsche, der eine als Mädchen, der andere als junger Mann. Möglicherweise führten sie den Kerb-Umzug als Vertreter des Pfarrers an. Auf dem Gruppenbild vor dem Gasthaus „Zum Engel", sieben Jahre später, fehlen diese Symbolfiguren bereits.

 

Welche Fahnen wurden vor dem Zug der Kerbborsche hergetragen? Die Aussage von H. Schmitt gibt auch keine Antwort auf die Frage nach der Art. Auf beiden Gruppenbildern erkennt man, dass sie drei Farbfelder haben mit Teilen einer unleserlichen Aufschrift in der Mitte.

 

 

Heute ist es üblich geworden, dass jeder Jahrgang der Kerbborsche sich eine neue Fahne herstellt, meist in den hessischen Farben rot und weiß.

 

In der Schilderung der Sprendlinger Kerb 1889 wird das Gasthaus „Zum Adler" als Stammsitz der Kerbborsche genannt. Die Löffler'sche Bierbrauerei und Gasthalterei „Zum Adler" gehört zwar zu den am frühesten (vor 1700) erwähnten Gasthäusern, der „Adler" war aber nicht immer das Versammlungslokal der Kerbborsche. In unserem Jahrhundert war es sehr häufig das „Schmittche", mit offiziellem Namen der „Frankfurter Hof", Ecke Frankfurter- und Wiesen- (heute Aue-) straße oder das gegenüber liegende Gasthaus „Zur Krone". Das „Schmittche" und die „Kron'", ein großes, altes Gebäude, sind längst abgerissen und modernen, glatten Fassaden gewichen. Der vorletzte Inhaber des „Frankfurter Hof" hieß Schmitt und betrieb an dieser Stelle eine Brauerei. Der letzte hieß Winkel, dennoch behielt dieses Lokal bis zum Abriss bei den Sprendlingern den Namen „Schmittche". Daneben, in der Aue- (Wiesen-) straße, befand sich der alte Backofen, der noch Anfang dieses Jahrhunderts benutzt wurde.

 

In der Schilderung der Sprendlinger Kerb 1889 wird das Gasthaus „Zum Adler" als Stammsitz der Kerbborsche genannt. Die Löffler'sche Bierbrauerei und Gasthalterei „Zum Adler" gehört zwar zu den am frühesten (vor 1700) erwähnten Gasthäusern, der „Adler" war aber nicht immer das Versammlungslokal der Kerbborsche. In unserem Jahrhundert war es sehr häufig das „Schmittche", mit offiziellem Namen der „Frankfurter Hof", Ecke Frankfurter- und Wiesen- (heute Aue-) straße oder das gegenüber liegende Gasthaus „Zur Krone". Das „Schmittche" und die „Kron'", ein großes, altes Gebäude, sind längst abgerissen und modernen, glatten Fassaden gewichen. Der vorletzte Inhaber des „Frankfurter Hof" hieß Schmitt und betrieb an dieser Stelle eine Brauerei. Der letzte hieß Winkel, dennoch behielt dieses Lokal bis zum Abriss bei den Sprendlingern den Namen „Schmittche". Daneben, in der Aue- (Wiesen-) straße, befand sich der alte Backofen, der noch Anfang dieses Jahrhunderts benutzt wurde.

 

Wo fand nun „die Kerb" statt?

 

Die Kerbborsche waren zwar ein wesentliches Element der Kerb, es gab aber noch weitere Bereiche des Lebens im Dorf Sprendlingen, die von diesem Ereignis im Hochsommer voll in seinen Bann gezogen wurden. Von nahezu allen Familien wurde samstags der Kerbkuchen gebacken, neben Streuselkuchen („Riwwelkuche") und Butterkuchen („Gerestene"), den für diese Jahreszeit typischen Zwetschgenkuchen („Kwetschekuche"). Die Bäcker, wohin die Kuchen zum Backen gebracht wurden, hatten dann Hochbetrieb. Hochbetrieb hatten vor allem aber die Wirtschaften, von denen es noch vor dem 2. Weltkrieg in Sprendlingen, mit damals rund 8000 Einwohnern, im Verhältnis zur Einwohnerzahl erheblich mehr gab als heute. Das waren die Zentren des öffentlichen Lebens und während der Kerb natürlich brechend voll. Bei schönem Wetter waren dann auch noch die Gartenwirtschaften, über die die meisten Wirtschaften verfügten, dicht besetzt.

 

„Die Kerb" bedeutet nicht nur das Kirchweihfest als Feiertag, sondern auch den Festplatz mit Karussell, Buden und dergleichen. Man ging „auf die Kerb", d. h. zum Festplatz. Die Örtlichkeit des Festplatzes hat in Sprendlingen innerhalb etwa der letzten hundert Jahre mehrmals gewechselt.

 

Wo der „Kerbplatz" 1908/10 war und an das ganze Kerbtreiben kann sich Wilhelm Schmidt („Sattler Hellem") mit 92 Jahren noch gut erinnern. Damals lag der Kerbplatz mit den Ständen auf beiden Seiten der Hauptstraße, vom „Kriegerdenkmal" bis zum „Adlereck". Also von der Abzweigung der Offenbacher Straße bis da, wo im rechten Winkel die Hauptstraße in die Darmstädter Straße übergeht. Das Kriegerdenkmal von 1870/71 stand im spitzen Winkel von Frankfurter und Offenbacher Straße vor dem Wirtshaus „Isenburger Hof", das sich an der Stelle der heutigen Volksbank Dreieich befand. Das Wirtshaus „Zum Adler" schloss sich links an die heutige Metzgerei Christian an. Die Hauptstraße war damals schmaler als heute und wies, durch eine flache Gosse getrennt, sehr breite Bürgersteige auf.

 

Nach einer Liste „Für die Kirchweih 1913 haben Erlaubnis erhalten": 24 Schausteller, Musiker und dergleichen. Das „Verzeichnis über Vergebung der Plätze für Verkaufsbuden pp, auf Kirchweih 1921" zählt 21 Budenbesitzer auf. Davon sind: 4 Buden mit Zuckerwaren, 1 mit „Schokolade", 1 Schießbude, 2 mit Kurz-, Galanterie- und Spielwaren, 1 mit Tabakwaren, 3 Musiker, 1 Drehorgel. Als „Platzgeld" wurde zwischen 5 und 40 Mark bezahlt; die Ausnahme war die Schießbude, die 300 Mark berappen musste. Das Verzeichnis für 1923 weist mit 20 Ständen etwa die gleiche Zahl auf wie 1921, von denen waren 7 Zuckerbuden, 1 Schiffschaukel, 1 Karussell, 3 Spielwarenstände, 1 Schießbude, 1 Stand mit einem „Bolzenschussapparat", 1 Tischkegelspiel, 1 Kasperletheater, 1 Magenbrot-Stand, 1 Drehorgel, 1 Musiker und 1 Stand mit Zigarren und Zigaretten. Fürwahr eine große Mischung. Die Standgelder sind, im Vergleich mit 1921 auf den ersten Blick erschreckend: 300.000 für das Karussell bis zu 10.000 Mark für den Musiker. Der Schreck lässt nach, wenn man bedenkt, dass es die Inflationszeit war.

 

Vor dem „Schmittche" (Gasthaus „Frankfurter Hof"), heute befindet sich hier eine Filiale der Langener Volksbank, war das Karussell aufgebaut. Es war anfangs noch einstöckig und wurde durch ein Pferd oder per Hand gedreht. Eine Drehorgel sorgte für Musik. Später schlug der Besitzer Kreßmann aus Pfungstadt das erste zweistöckige Karussell auf. Es war im „Parterre" mit den bekannten hölzernen Pferden und im „1. Stock" mit kleinen, schaukelnden Schiffchen und kleinen, per Hand drehbaren Kleinkarussells („Schnorr" genannt) bestückt. Das Karussell war so dicht am „Schmittche" aufgestellt, dass sich die Kerbborsche auf dem Karussell sitzend durchs Fenster Getränke reichen ließen. Vor der Drogerie Ferdinand Puppe - heute das Fotogeschäft im Backsteingebäude rechts von der Bezirkssparkasse Langen - stand die Schießbude des Herrn Leithäuser. Hier wurden die Gewehre von Mädchen geladen, - wohl als verkaufsfördernde Idee gedacht. Zwischen dem Karussell – auch Reitschule genannt - und der Schießbude befand sich die Gemeindewaage mit dem Wiegehäuschen. Dieser Platz musste also frei bleiben. Zwischen Schießbude und Eisenbahnstraße war gewöhnlich noch der Süßwarenstand des Herrn Rühle aufgebaut.

Zu Anfang unseres Jahrhunderts waren die Stände noch einfache Buden aus Holzstangen oder Latten, die man mit Planen abdeckte. Später machten die einfachen Buden den uns heute bekannten Kerbwagen Platz, deren eine Längsseite man als Dach nach oben aufklappte.

 

Gegenüber vom „Schmittche" stand vor dem Gasthaus „Zur Krone" eine Schiffschaukel. Auch ein Requisit der früheren Kerb, das, wie die echte „Reitschul", heute nur noch aus nostalgischen Gründen eine Attraktion ist. Von den beiden großen Durchfahrtsbogen der „Krone", links und rechts von der breiten Eingangstreppe, führte der linke in den Kronen-Garten, eine große Gartenwirtschaft, wo man sich unter Kastanienbäumen bei einem Apfelwein vom Kerbrummel ausruhen konnte. Gegenüber der Eisenbahnstraße machte der Sprendlinger Photograph Kriegel Erinnerungsfotos auf dünnem Blech.

 

Fünf Häuser weiter, bei der Gaststätte „Herrnbrod", wurde an Kerb das Tor ausgehängt, womit eine zusätzliche Hofwirtschaft zum Sitzen einlud. Zwei Häuser weiter - das Apothekengebäude und das Rathaus wurden erst 1910 gebaut - schloss sich das Gasthaus „Zum Engel" mit seiner Gartenwirtschaft an. Damit man auf dem Weg zum „Adler" an der Ecke nicht verdursten musste, öffnete neben dem „Engel" noch das Gasthaus „Zum Schwan" seine gastliche Pforte.

 

 

Vom „Herrnbrod" bis zum „Adler"-Eck fanden sich dann nur noch ein paar vereinzelte Kerbstände. Es waren z. T. Schaubuden, wie etwa eine mit Ringkämpfern, die Schaukämpfe vorführten.

Die Kerb auf dem „Kaiserplatz"

 

An Kerb-Dienstag erreichte der „Wahre Jakob" aus Frankfurt seinen Verkaufsstand an der Bangertsgasse oder gegenüber, um mit marktschreierischem Getöse allerlei technisches Gerät und Werkzeug für den bäuerlichen Betrieb, wie Nägel, Vorhängeschlösser, Sicheln und dergleichen zu „versteigern". Er machte sicher keinen schlechten Umsatz, da es zu dieser Zeit in Sprendlingen noch kein Fachgeschäft für derartige Waren gab.

 

Auch nach dem 1. Weltkrieg wurde die Sprendlinger Kerb noch an der Hauptstraße abgehalten. Von 1926 an jedoch, als der Verkehr auf der B 3 langsam reger wurde, verlegte man den Kerbplatz zum Kaiserplatz - jetzt Wilhelm-Leuschner-Platz -, der seinen Namen noch bis 1933 behielt, obwohl es den Kaiser schon lange nicht mehr gab. Die Stände und Buden säumten die Spenglerstraße von der Gartenstraße bis zum Kaiserplatz.

Ecke Garten-/Spenglerstraße lud die Gaststätte „Zur Stadt Wien" und 20 Meter weiter der „Saalbau" die Kerbbesucher zur Einkehr ein. Der Kaiserplatz war gleich von drei Wirtschaften eingerahmt: dem „Nassauer Hof", „Zur Post" und „Zur Wiesenau". Die vom Kaiserplatz ausgehenden Straßen störten das geschlossene Bild des Festplatzes nicht, da durch sie praktisch kein Verkehr floss.

 

An den Aufbau der Kerb auf dem Kaiserplatz anfangs der dreißiger Jahre hat der Verfasser noch einige deutliche Erinnerungen. Damals brachte zum ersten Mal der Schausteller Ernst aus Köppen im Taunus kleine Elektroautos für Selbstfahrer, heute Autoscooter genannt, auf die Sprendlinger Kerb. Mit dem „Lanzbulldog" (Traktor) wurden die hölzernen Kerbwagen, in denen man die Bauteile transportierte, vom nahegelegenen Bahnhof geholt, wo sie über die Laderampe von den Rungen-Waggons entladen werden konnten. Allein das war schon ein Schauspiel zum Gucken für die Buben. Dieser „Lanzbulldog" trieb dann auch über einen großen Riemen den Generator, der den Strom für die Elektroautos lieferte.

Auf diesem Wege über den Bahnhof kam auch das zweistöckige Karussell, die „Reitschul", zum Kerbplatz. Die schönen, weißlackierten Holzpferde auf der unteren Ebene hingen an langen Messingrohren. Sie bewegten beim Fahren des Karussells die Pferde auf und nieder, so als würden sie springen. (Wahrscheinlich lässt der TÜV dies heute nicht mehr zu.)

 

Der Schausteller Meissel mit seinem Zuckerwaren- und Eis und Spielwarenstand kam viele Jahre zur Sprendlinger Kerb. Am Zuckerwaren- und Eisstand wurde mancher Pfennig „Kerbgeld" gegen Nascherei eingetauscht. Das Kerbgeld sammelte man als Kind bei der gesamten Verwandtschaft. Bekam man fünf oder zehn Pfennig, dann waren das schon sehr stattliche Beträge. Die Entscheidung für 5 Pfennig Eis oder eine farbige Zuckerstange oder eine Spirale Lakritze war dann nicht immer einfach.

Da gab es noch das „Kerbstück". Das war ein kleines Geschenk, auf der Kerb erworben, das z. B. der Onkel seinem Patenkind, der Mann seiner Frau schenkte oder die Kinder brachten es den Eltern mit. Es konnte auch ein Lebkuchenherz sein, mit der Aufschrift „Ich liebe Dich" o. ä., das ein junger Bursche seiner Verehrten schenkte.

 

Die Kerb im Kronen-Garten

 

Als dann auf dem Kaiserplatz Mitte der dreißiger Jahre ein Denkmal errichtet und eine Parkanlage angelegt wurde, musste nicht nur der „Kaiser" dem „Horst Wessel" weichen, auch die Kerb musste sich einen anderen Platz suchen. Er wurde hinter der „Krone", im ehemaligen Kronen-Garten an der Schulstraße gefunden. An diesem recht abgeschiedenen und ruhigen Ort blieb die Kerb dann bis der 2. Weltkrieg 1941 ein Kirchweihfest nicht mehr zuließ. Auch in den ersten Jahren nach dem Krieg war Kerb nicht mehr gefragt; der Kampf ums Überleben beherrschte den Alltag.

 

 

Als sich der Wirrwarr langsam zu legen begann und schließlich am 21. Juni 1948 die Währungsreform dem Wirtschaftsleben wieder ein sicheres Fundament verschaffte, stieß auch der Gedanke an die Wiederbelebung einer uralten Tradition – der „Sprennlenger Kerb" - auf eine gute Resonanz. Die äußeren Bedingungen waren wieder gegeben, – nur musste schnell gehandelt werden: Der 10. August, der Namenstag des Laurentius, stand vor der Tür. Der Jahrgang 1928 war dran. An Kerbsamstag 1948 wurde der „Kerbboam" vorm „Schmittche" aufgestellt und die Kerb in Sprendlingen lebte wieder auf.

 

Es dauerte nicht lange, da musste wieder ein neuer Kerbplatz gefunden werden. Die „aufstrebende Industriestadt" benötigte dringend ein neues Feuerwehrhaus. Die ehemaligen Stallungen des Gasthauses „Zur Krone" und der anschließende ehemalige Kronengarten, der Kerbplatz also, wurden für die Feuerwehr bestimmt.

Seit 1950 wird die Sprendlinger Kerb, als vorläufig letzte Station der Kerbplatz-Odyssee, auf dem Platz bei der Sporthalle der SKG abgehalten.

 

Zur Sprendlinger Kerb 1988 gab es folgende Zeitungsüberschrift: Sprendlingen, den 9. August 1988. „Ohne Baum und Kerbburschen". Soll es aus Mangel an Verständnis und Interesse und vor allem wegen fehlender Kenntnis der historischen Zusammenhänge 1989 keine Kerb mehr geben? Die Sprendlinger Kerb, die der schon erwähnte Lehrer Heinrich Schmidt schilderte, hätte dann genau vor hundert Jahren stattgefunden! Schon allein dieses „Jubiläum" sollte Anregung zu Erhalt und Belebung einer alten Tradition sein.