Flakstellungen in Sprendlingen

Im Archiv Baumbusch findet man ein Bild eines feuernden Geschützes mit der Unterschrift "Sprendlingen Flugabwehrgeschütze 1940". Leider konnte die Herkunft dieses lokalhistorisch hochinteressanten Fotos nicht mehr festgestellt werden. Es war daher sehr überraschend, dieses Bild im Begleitbuch zur Ausstellung "Heimat/ Front, Frankfurt am Main im Luftkrieg" zu entdecken (durch einen Hinweis von Peter Holle). Als Bildnachweis wurde "Siegfried Wilhelm Rösch/ Fraport Archiv" angegeben. Ein Hinweis des Archivleiters führte uns zum Rechteinhaber, dem Sohn von Siegfried Rösch, der uns freundlicherweise ohne zu Zögern gestattete, diese Bildmaterial zu verwenden. Vom Fraport Archiv erhielten wir die Digitalisate, die wir mit einem Bildbearbeitungsprogramm optimierten. Es handelt sich um für die damalige Zeit sehr seltene Farbaufnahmen von exzellenter Qualität. 

 

Siegfried Rösch (1899-1984) war Mineraloge und Farbwissenschaftler, der bei Leitz in Wetzlar auch an der Entwicklung der Leica beteiligt war. Er wurde 1942 zum Professor für Mineralogie an der Universität Gießen ernannt. Vorher war er Major bei der Luftwaffe im Wetterdienst und hatte offensichtlich Zeit und Gelegenheit, seine damalige Umwelt mit seiner Leica fotografisch zu dokumentieren, so auch die Flakstellung in Sprendlingen. Die Bilder sind alle auf 1940 datiert. Die Bildkommentare wurden vom Fraport Archiv mitgeliefert, wobei "Kommandohilfsgerät" durch "Entfernungsmesser Em 4m R 40" ersetzt wurde (Hinweis von Ingo Claus Peter). 

 

 

Die ausgedehnten Flakstellungen mit zwei Flakbatterien mit je vier Geschützen befanden sich auf dem Wilhelmshöfer Feld, dem heutigen Industriegebiet West in Sprendlingen mit dem Zentrum zwischen Diesel-, Maybach-, Benz- und Voltastraße. Eine Peilstation war im Seegewann stationiert. Die dortige Militärbaracke wurde nach dem Krieg zur "Waldschenke" umgewandelt. Die Flakstellung war Teil des äußeren Verteidigungsrings von Frankfurt. Als Sprendlingen im März 1945 von den Amerikanern eingenommen wurde, zogen sich die deutschen Flaksoldaten bis zum Rand des Isenburger Waldes zurück. Ein Panzer der vorrückenden Amerikaner wurde zerstört, die Besatzung kam ums Leben. Die Splitter der Flakgeschosse verursachten in Sprendlingen einige Schäden (Quelle: mündl. Information von A. Baumbusch und K. Lichtner). Am Ende dieses Abschnitts kann man einen Bericht von Gerhard Störmer über die Flakstellungen in Sprendlingen lesen, den er im Juni 2014 für diese Website verfasst hat.  

 

Beim Betrachten der Bilder sollte nicht vergessen werden, dass diese Waffen ein Teil der Kriegsmaschinerie eines verbrecherischen Regimes war, das unendliches Leid über die Menschheit gebracht hat.

 

Flakstellung in Sprendlingen: Nachtaufnahme eines feuernden 8,8 cm Flakgeschützes in einer Stellung bei Sprendlingen
Flakstellung in Sprendlingen: Personal an einem Entfernungsmesser Em 4m R 40
Flakstellung in Sprendlingen: Kanonier an einem 2cm Flakgeschütz in einer Stellung bei Sprendlingen
Flakstellung in Sprendlingen: 2cm Flakgeschütz (Detailaufnahme) in einer Stellung bei Sprendlingen
Flakstellung in Sprendlingen: Soldat vor Munitionsdepot einer 8,8 cm Stellung
Flakstellung in Sprendlingen: Detailansicht eines Entfernungsmessers Em 4m R 40
Flakstellung in Sprendlingen: Soldat und Flakhelfer vor Baracke an einem Zierkiesbeet mit Hakenkreuzsymbol
Flakstellung in Sprendlingen: Sprendlingen Nachtaufnahme eines feuernden Geschützes
Flakstellung Sprendlingen Soldaten an einem Entfernungsmesser Em 4m R 40
Flakstellung in Sprendlingen: Neigungsanzeige eines 8,8 cm Geschützes
Flakstellung in Sprendlingen: 8,8 cm Flakgeschütz mit Geschützführer und Kanonier
Flakstellung in Sprendlingen: Kanonier an einem 2 cm Flakgeschütz in einer Erdstellung
Flakstellung Sprendlingen: Soldat an einem Bedienelement eines 150cm Flakscheinwerfers
Flakstellung Sprendlingen: Ansicht des Scheinwerfers von vorne
Flakstellung in Sprendlingen: Soldat an der Höhensausrichtung eines 150cm Flakscheinwerfers
Flakstellung in Sprendlingen: Bedienmannschaft beim Laden eines 8,8 cm Geschützes
Flakstellung in Sprendlingen: Soldat an einem Horchgerät
Flakstellung in Sprendlingen: Kanonier am Visier eines 8,8 cm Flakgeschützes
Flakstellung in Sprendlingen: Soldaten an einem Horchgerät

 

 

Die Flakstellungen in Sprendlingen 1940 — 1945

 

Gerhard Störmer, im Juni 2014

 

Mit Beginn des 2. Weltkrieges wurden ab 1940 zum Schutz von Städten, Industrieanlagen und der Bevölkerung gegen Luftangriffe besondere Verteidigungsanstrengungen unternommen. So wurde um den Großraum Frankfurt ein Verteidigungsring aus Flakstellungen und Fliegerhorsten für Abfangjäger (z.B. Eschborn, Rhein-Main und Langendiebach (heute Erlensee) gebildet. In diesem Rahmen entstanden dann auch die Flakstellungen in Sprendlingen.

 

Zwischen Frankfurter- und Offenbacher Straße fast am Waldrand zu Neu Isenburg wurde auf dem Feld des Hofguts Wilhelmshof (Gewannname: Alter Schlag) Geschützstellungen ausgehoben. Jedes einzelne Geschütz stand gefechtsbereit hinter dicken Erdwällen. Zur Flakbatterie gehörten noch die Mess- und Leitstelle und Munitionsbunker sowie Mannschaftsbaracke. Auf dem Gebiet der heutigen Voltastraße befanden sich nördlich 2 Wohnhäuser der Familien Frank und Stroh. Am Waldrand - ungefähr bei der heutigen BMW Vertretung - gab es die Geflügelfarm Pieper, die in der schweren Bombennacht 1943, in der große Teile Neu Isenburgs in Schutt und Asche versanken, gleichfalls zerstört wurde. 

 

Die Flakbatterie bestand aus 4-5 8,8cm Geschützen und einem großen Scheinwerfer. Ein weiterer Scheinwerfer mit Horchgerät der Batterie wurde im Seegewann, direkt an den Schrebergärten im Westen Sprendlingens aufgebaut. Als Unterkunft für die Bedienungsmannschaft diente das anliegende Gebäude, das spätere Lokal Waldschenke. Eine abgeschossene amerikanische Superfestung stürzte nur wenige Meter neben der Flakstellung ins freie Feld und war für die Sprendlinger eine traurige Sensation. Die tote Besatzung lag verstreut in der nächsten Umgebung. Zum ersten Mal sahen die Sprendlinger eine dieser gefürchteten Riesenflugzeuge aus der Nähe, die sie sonst später auch bei Tagangriffen am Himmel erkennen konnten. 

 

Die Sprendlinger Gemarkung wies zahlreiche Bombenkrater aus. Meist stammten sie aus ungezielten Notabwürfen abfliegender angeschossener Flugzeuge, die damit leichter ihre Heimatbasen erreichen wollten. Aus dieser Situation dürften auch die Gebäudeschäden durch Brand- und Sprengbomben in Sprendlingen teilweise zu erklären sein. Die lichtstarken Scheinwerfer der Flak suchten im Alarmfall den nächtlichen Himmel nach den Eindringlingen ab. Sobald ein Scheinwerfer ein feindliches Flugzeug erfasst hatte, gingen die anderen Scheinwerfer auf das gleiche Ziel, und die Flakgeschütze eröffneten konzentrisch das Feuer, um das Flugzeug abzuschießen. Bei vollem Einsatz der Flakbatterie hoben sich die Sprendlingen die Dachziegel, und die Bevölkerung verharrte angstvoll in den Kellern, die als Luftschutzräume dienten. 

 

Die zunehmend sich verschlechternde Kriegslage für die Deutschen beeinträchtigte auch sehr stark das Leben der Zivilbevölkerung. Auch tagsüber erschienen manchmal die gefürchteten „Jabos“ (Jagdbomber) der Amerikaner und schossen auf alles, was sich Straßen bewegte. Im Zuge von entsprechenden Sicherungsmaßnahmen wurde damals an der westlichen Straßenseite zwischen Sprendlingen und Neu Isenburg auf dem freien Feld in gewissen Abständen von italienischen Kriegsgefangenen Schutzgräben ausgehoben, in die sich Verkehrsteilnehmer bei Fliegergefahr flüchten konnten. Das betraf vorwiegend Fußgänger und Radfahrer, da praktisch fast kein Autoverkehr mehr stattfand. Die Gräben waren ca. 1 m breit, 3-4m lang und etwa 1,50m tief mit einer schiefen Ebene für Ein- und Ausstieg. Opfer eines solchen Tagangriffs war der Sprendlinger Bauer Karl Heinrich (genannt Fischer Karl) aus der Ostendstraße, der bei seiner Feldarbeit von einem Fliegergeschoß getroffen und getötet wurde. 

 

Die totale Luftüberlegenheit der Alliierten und auch die Verluste der Verteidiger bei der Flak verfehlten nicht ihre Wirkung, zumal die deutschen Jagdflugzeuge aus permanentem Spritmangel nur äußerst eingeschränkt zum Einsatz kommen konnten. So wurde Ende 1944 (?) die Flakstellung im alten Schlag aufgegeben und geräumt. Beim Einmarsch der Amerikaner am 26. März 1945 in Sprendlingen war die militärische Einrichtung vollkommen verlassen.