Das Sprendlinger Wappen

Der Hirsch als Sprendlinger Wappentier erscheint erstmals in einem Sprendlinger Gerichtssiegel aus dem Jahr 1714. Er ist sowohl im verspielten Gemeindewappen des 19. Jh. im etwas nüchternen Gemeindewappen der 1930er Jahre als auch im Wappen der Stadt Sprendlingen aus der Zeit nach dem 2. Weltkrieg zu finden. Bemerkenswert an dem Hirsch ist seine Haltung. Es gibt in Deutschland mehrere Gemeinden mit der Bezeichnung „Hirschsprung“. Deren Wappen zeigen eindeutig einen springenden Hirsch. Der Sprendlinger Hirsch springt jedoch nicht. Er steht bzw. schreitet auf drei Erhöhungen, die möglicherweise drei Heuhaufen darstellen sollen.

 

Wie dem auch sei: der statische Hirsch im Wappen gibt Rätsel auf. Die Geschichte hat Generationen von Heimatforschern Kopfschmerzen bereitet: Wieso ist der von Hunden verfolgte Hirsch über den Heuwagen gesprungen und nicht außen herum gerannt? Und warum sollte er sich dabei gerettet haben, wenn doch die Hunde und Jäger einen Bogen um den Wagen hätten machen können. Einige Heimatforscher stellten die These auf, dass es sich bei dem Hirschsprung um eine Rampe an einem Wildzaun gehandelt haben könnte. Aber die gab es häufig in den herrschaftlichen Wäldern in der Dreieich und waren besonderes.

 

Des Rätsels Lösung

 

Die alten Heimatforscher haben sehr gründlich die Archive in Birstein, Büdingen, Darmstadt, Marburg, etc. nach interessanten Urkunden durchforstet. Es geschieht daher sehr selten, dass neue, bisher noch nicht bekannte Urkunden auftauchen. Dies ist 2013 passiert, allerdings gefördert durch die moderne Kommunikationstechnik: Mit einer Mail an den Autor dieser Zeilen meldete sich im März 2013 Henk Hovenkamp, ein Archivar einer niederländischen Großgemeinde. Er hatte bei der Durchsicht eines Reisetagebuches aus dem Jahr 1610 eine sehr interessante Information gefunden. Dieses Dokument verfasste Ernst Brink (1582 Durlach - 1649 Harderwijk), ein ehemaliger Bürgermeister von Harderwijk. Dieser reiste 1595 von Darmstadt nach Frankfurt. In seinem Reisetagebuch ist zu lesen:

(Streekarchivariaat Noordwest-Veluwe, archief Stadsbestuur Harderwijk 1231-1813, inv.nr. 2048 folio 111).

 

Dieser Text ermöglicht eine relativ widerspruchsfreie neue Interpretation der Hirschsprung-Legende: Der Hirsch ist nicht über, sondern auf einen vorbeifahrenden Heuwagen gesprungen. Nachdem er ein Stück mitgefahren war, sprang er wieder herunter.

 

Man kann sich das Geschehen folgendermaßen vorstellen: Ein Hirsch wird von Jägern und ihren Hunden gehetzt und verfolgt. Sie haben ihn fast erreicht. Dann springt der Hirsch mit allerletzter Kraftanstrengung auf einen vorbeifahrenden Heuwagen und bleibt oben stehen. Der Wagen fährt mit dem Hirsch "ein stuck wegs" weiter, bis die Hunde und die Jäger den Heuwagen umstellen. Die Jäger könnten den Hirsch auf dem Heuwagen töten, was sie offensichtlich nicht tun. Nach kurzer Zeit springt der Hirsch wieder vom Heuwagen herunter. Die Jäger hätten die Jagd sicherlich erfolgreich fortsetzen können; dann wäre allerdings die Hirschsprung-Saga ohne Happy-End ausgegangen. Vermutlich waren die Jäger von dem Sprung des Hirschs auf den Heuwagen so beeindruckt, dass sie ihn nicht weiterverfolgten und ihm sein Leben ließen. Das Bild des Hirschs auf dem fahrenden Heuwagen muss so eindrucksvoll gewesen sein, dass man am Ort des Geschehens die besagten Hirschsprung-Steine aufstellte. Vor diesem Hintergrund ergibt auch das Sprendlinger Stadtwappen einen Sinn: Dort ist der Hirsch auf einem Heuwagen stehend dargestellt. 

 

Der Hirsch im Dreieicher Stadtwappen

Zum Abschluss dieses Kapitels über die Historie des Hirschsprungs soll eine interessante Geschichte erwähnt werden, die bisher noch nicht publiziert wurde, nämlich wie der Sprendlinger Hirsch ins Dreieicher Stadtwappen kam. Ein Hirsch im Wappen war eigentlich nicht vorgesehen. 

Als der Beschluss feststand, dass die fünf Dreieichorte verwaltungsmäßig zusammengeschlossen werden sollten, musste auch ein neues Stadtwappen gefunden werden. 1976, also noch vor dem Zusammenschluss, beauftragte die Arbeitsgruppe der fünf Bürgermeister einen Heraldiker, einen Vorschlag für ein neues Stadtwappen zu unterbreiten. Dieser schlug ein asymmetrisch geteiltes Wappen vor: links ein aufrecht stehender Zweig mit drei Eicheln sowie fünf Eichenblätter und rechts waagrechte Streifen als Reminiszenz an das Wappen der Isenburger Fürsten (Abb. links). Der spätere Magistrat der Stadt Dreieich empfahl die Annahme dieses Entwurfes.  

Daraufhin machte sich Unmut bei den Sprendlingern breit, weil sie im neuen Wappen den größten Stadtteil nicht repräsentiert sahen. „De Hersch muss ins Wappe“ hieß es damals. Die „Freunde Sprendlingens“ initiierten einen Wappen-Wettbewerb bei dem über 180 Vorschläge eingereicht wurden. In einem Auswahlverfahren wurden dem Magistrat drei Alternativen unterbreitet. Zwischenzeitlich wurde im politischen Raum erfolgreich Lobbyarbeit für den Hirsch gemacht, so dass das vorher präferierte Wappen keine Chance mehr hatte.

 

 Den ersten Platz machte ein Entwurf, in dem der Eichenzweig mit Eicheln von zwei Geweihstangen umrahmt war (3. Abb. von links). Der zweitplatzierte Entwurf zeigte einen springenden Hirsch unterhalb des Eichenzweigs mit Eicheln. Den dritten Platz erreichte ein Entwurf mit Hirschgeweih, Eichenzweig und darüber drei Eicheln. Diese Entwürfe wurden in der Lokalpresse publiziert. Darauf meldete sich der ehemalige Bürgermeister von Jügesheim: Er freue sich über den schönen Entwurf, der den ersten Preis erhalten hatte, aber dieser sei dem Jügesheimer Wappen doch sehr ähnlich (Abb. rechts).

Daraufhin einigte man sich auf den zweitplatzierten Entwurf. Es wurde jedoch entschieden, keinen springenden, sondern einen stehenden (bzw. schreitenden) Hirsch im Wappen abzubilden. Dies war eine glückliche Entscheidung, denn wie wir jetzt wissen, stand der Hirsch auf dem Heuwagen. Die Stadtverordnetenversammlung hat in einer Sitzung im März 1978 formal diesen überarbeiteten Entwurf als Wappen der neuen Stadt Dreieich akzeptiert. 

Dieses Wappen wird von der Stadt Dreieich jedoch kaum benutzt, es schien zu bieder und altmodisch zu sein. Stattdessen wird ein Signet aus fünf unterschiedlich großen Dreiecken eingesetzt, die von einem dynamischen verformten Halbkreis zusammengehalten werden. Aus der Anordnung der Dreiecke ist leicht zu schließen, dass es sich dabei um die fünf Stadtteile Dreieichs handeln soll


Dieser Artikel von Wilhelm Ott wurde 2018 als ein Kapitel des "Buch der Ringe" von Peter Holle publiziert. Er überschneidet sich inhaltlich etwas mit dem Kapitel "Die Hirschsprung-Legende" hier auf dieser Website.